Natur(er)leben oder kann in unserer Kultur natürliches Leben & Lernen stattfinden? Ein Beitrag über Natur- und Wildniswissen

 

In unserer industrialisierten Kulturgesellschaft, welche sich auf materielle Belangen stützt, sollte man meinen, dass natürliches Lernen schon von Kindesbeinen an nicht möglich ist. Wie ist der Spagat zwischen vereinheitlichtem Lernen und Lehren sowie einer ausserhalb des natürlichen Lebensrythmus stattfindenden Arbeitswelt mit unserem natürlichen Zyklus vereinbar?


Dieser Artikel versucht zu beschreiben, wie natürliches Leben mit der aktuellen Arbeits- und Lebenswelt vereinbar sein kann.

"Was soll der Blödsinn? Ich lebe ja, also warum soll das nicht natürlich sein?", konterte mein Gegenüber und recht hat sie. Die Frage stellt sich nur, warum so viele Menschen erkranken, unzufrieden, unglücklich sind oder sich selbst wie "lebendige Tote" fühlen.

 

"Die Ältesten wussten dass das Herz eines Menschen, der sich der Natur entfremdet, hart wird. Sie wussten, dass mangelnde Ehrfurcht, Wertschätzung von allem Lebendigen und allem, was da wächst, bald auch die Ehrfurcht und Wertschätzung vor den Menschen absterben lässt. Deshalb war der Einfluss der Natur, der die jungen Menschen feinfühlig machte, ein wichtiger Bestandteil ihrer Erziehung"

(Luther Standing Bear, Lakota, 1868-1939)


Wenn wir uns mit der Natur verbunden fühlen, empfinden wir Ehrfurcht und schätzen unser Umfeld. Naturverbindung (er)leben bedeutet viel mehr, als "Bäume kuscheln". Erfahrungen und Wissen von nativen Stämmen und Volksgruppen, das von Menschen aus unterschiedlichen Teilen dieser Welt erforscht und zusammengetragen wurde, bilden die Basis der wildnispädagogischen Vermittlung. Naturmentoring, Peacemaking, Survival und Urhandwerk runden das (Er)leben in und mit unserer Natur ab.

 

Was bringt mir Natur(er)leben?
Lernen findet zumeist über Beziehung, Erfahrung und Vorbild statt. Naturverbindung ermöglicht dir ein "In-Beziehung-Treten" mit der Natur. Bedeutungsvolle Momente werden alleine (beispielsweise am Sitzplatz) oder in der Gemeinschaft erlebt. Fragen, die dir von Mentoren gestellt werden und später ganz von selbst auftauchen, werden erforscht und über die Sinne auf unterschiedlichste Art erforscht. Durch diese Art des Forschens, entsteht Begeisterung. Und die Begeisterung ist es, die uns so neugierig auf mehr macht, unsere Aufmerksamkeit fördert und Wahrnehmung verstärkt. Mentoren begleiten dich, um dran zu bleiben und den vollen Lernzyklus durchzugehen. Es entsteht ein Gefühl der Verbundenheit.

 

Durch das zur Verfügungstellen eines geschützten Rahmens und professioneller Begleitung, erhältst du den Raum und die Zeit, die du benötigst, um in Beziehung mit deiner Natur zu treten, diese als Lernfeld für innere Prozesse, die auf natürlichem Weg auftauchen, zu betrachten und schließlich deine ganz eigenen Fähigkeiten zu erkennen. Durch das Erfahren und damit verbundene Erkennen der Potenziale wird Mensch resilient, d.h. widerstandsfähiger. Das Vertrauen zu dir selbst steigt und ein friedvolleres Leben mit dir und deinem Umfeld beginnt.

 

Natur (er)leben ist Erlebtes in den Alltag mitzunehmen. Die Natur ist nicht getrennt von uns und wir sind nicht getrennt von der Natur! Vielmehr lernst du durch begeistertes, natürliches Lernen Verbindungen aufzubauen, Zusammenhänge zu erkennen und ganzheitlich Gedanken zu verknüpfen. Du wirst ermutigt, weitere Schritte zu gehen, dich auszuprobieren und schließlich weiter daraus zu lernen. Das ermöglicht dir ein sanftes "in die Tiefe" gehen und damit unter die Oberfläche zu sehen. Wissenschaftliches Arbeiten ist hier genauso möglich, wie praktisch handwerklich tätig zu sein.

 

Natur(er)leben gibt dir einen Erfahrungsrahmen, der erfahrungsbasiertes Lernen und soziales Lernen vereint.

Die Frage beantwortet sich also (fast) von selbst: durch die unterschiedlichen Techniken und Erfahrungen, die du über Natur- und Wildnispädagogische Methoden erleben darf, hast du die Möglichkeit, diese automatisch in deinen Alltag zu integrieren und weiter zu führen.

 

Das heißt aber nicht, wie leider allzu oft missverstanden, das Feuerbohren können und weitergeben zu müssen, die Vogelsprache zu perfektionieren, das Pflanzenwissen oder Urhandwerk nur mehr beherrschen zu müssen. Allein das Wort "beherrschen", naja, das ist dann wohl ein anderer Artikel...

Es geht vielmehr um die Erfahrung, die du hast, wenn du plötzlich weißt, dass du in einem Shelter ohne Schlafsack übernachten kann und feststellst, dass diese Grenze in deinem Kopf nun förmlich "gesprengt" ist. Was, wenn da noch viel mehr Grenzen in deinem Kopf sind und du eine Möglichkeit gefunden hast, diese auf ganz sanfte Art anzusehen und vielleicht sogar zu überwinden und damit auch deinen Erfahrungsschatz und das damit verbundene Wissen zu erweitern?

 

Es geht einfach darum, dass wir über das Erleben der Natur, unsere eigene, innere Natur erforschen und ergründen, tief in unser Innerstes eintauchen, Zusammenhänge mit dem Aussen und die Verbundenheit erkennen. Uns trauen, unsere Fähigkeiten als Geschenke anzusehen und diese zu teilen.

 

Natur(er)leben - NaturVERbindung(er)Leben bedeutet für mich:

  • Ständig zu Lernen: aus mir heraus und aus all dem, was rund um mich ist.
  • Dankbar zu sein!
  • Mut zu haben, mich auszuprobieren und in die Tiefe zu gehen.
  • Mir immer mehr bewusst zu werden, wie wirkungsvoll ich bin und welche Konsequenzen mein Tun hat, ohne dabei ein schlechtes Gewissen haben zu müssen.
  • Auf alles zu achten, was da draussen ist, so gut es mir möglich ist.
  • Mir Fehler verzeihen können
  • Über das äussere Beobachten (Sitzplatz) habe ich gelernt, mich Schritt für Schritt selbst ein wenig mehr zu sehen - also wirklich wahrzunehmen.
  • Wirklich, also in "Echtzeit" zuzuhören und immer mutiger zu sein, das zu sagen, was ich grade denke, mit den besten Worten, die ich dann grade zur Verfügung habe.
  • Ich in "echt" zu sein ;-)
  • Mich vertrauensvoll als "Werkzeug" hinzugeben, um meine Mitmenschen zu ermutigen, ihren Weg für uns alle zu gehen
  • und Tag für Tag ein Stück weit mehr...

 

das fällt mir gerade ein, da ist aber bestimmt noch mehr :-)

 

Was bedeutet Naturverbindung für dich?


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Kommentare: 2
  • #1

    Barbara P (Freitag, 30 September 2016 10:21)

    Naturverbindung = lebendig sein, Verbindung mit Pflanzen, Tieren, Landschaften, mit allem was ist und natürlich auch mit mir spüren.
    Urhandwerk, Zusammenhänge beobachten, Wissen über Pflanzen-wer sind sie - was kann man damit alles machen- erforschen, etwas Sammeln,... tut einfach meiner Seele gut. Dabei kann ich zur Ruhe, in meine Mitte kommen. Belastendes aus Alltag abgeben und Lebenspendendes aufnehmen. Alleine Erfahrungen sammeln und gemeinsam mit Anderen sind zwei Qualitäten, die sich sehr gut ergänzen.
    Zum Thema natürlich lernen: als lebendige Wesen (was heißt lebendig überhaupt?) lernen wir in jeder Situation, immer und überall, nicht lernen geht nicht, die Frage ist nur WAS wir lernen. Lernen ermöglicht uns, uns an die verschiedensten Gegebenheiten in unserer Umwelt anzupassen - auch an total "künstliche" vom Mensch geschaffene Umwelten. Dabei kann aber auch eine Menge verloren gehen oder krank werden! - im Radio war vor 2 Tagen eine Meldung, dass in Deutschland bereits 10% der Kinder und Jugendlichen internet- und Handysüchtig sind - im Gehirn passiert dasselbe wie bei z.B. Drogensucht - und die sogar körperlich aggressiv werden, wenn sie ihr Handy in der Klinik abgeben müssen. Als Prävention ist Naturverbindung und lernen in und mit der Natur durch Aktivität mit dem eigenen Körper und sichtbarer realer materieller Auswirkung lebensnotwendig. Selbstwirksamkeit erleben führt zu Selbst-Bewußtsein und Selbstvertrauen!
    In Liebe Barbara

  • #2

    eva b. (Samstag, 01 Oktober 2016 12:05)

    Liebe Alexandra, ich gratuliere dir zu diesem Artikel.
    Aus meiner Naturverbundenheit resultiert für mich ein achtsamer Umgang mit allem und jedem um mich herum. Die Natur, die natürlichen Vorgänge spüren bedeutet, mich selbst spüren, in mich hinein spüren, innere (Ur-)Bedürfnisse erkennen. Naturerlebnisse geben mir Ruhe und Gelassenheit und damit innere Stärke und Kraft.
    Und all das ist essentiell notwendig, um den Alltag positiv bewältigen zu können.
    Das Werden, Vergehen und wieder Werden - die Regelkreisläufe - in der Natur haben Sinn. Diese Erkenntnis lässt mich in schwierigen Situationen in dem Bewusstsein, dass alles im Leben seinen Sinn hat. In jedem Negativen steckt ureigen etwas Positives.
    Und bei allem industriellen Wahn sollten wir uns stets vor Augen halten, dass die Natur - insbesondere der Wald - unser aller Lebensgrundlage ist! Wir können vielleicht nicht mehr von der Natur alleine leben, aber ohne sie ganz bestimmt nicht.